Ab wann gilt HDL als zu hoch?
Für HDL gibt es anders als für LDL keine allgemein festgelegte Obergrenze im Befund. Definiert sind vor allem Untergrenzen: Als niedrig und damit risikobehaftet gelten orientierend Werte unter 40 mg/dl (etwa 1,0 mmol/l) bei Männern und unter 50 mg/dl (etwa 1,3 mmol/l) bei Frauen. Viele Labore geben deshalb nur eine Untergrenze an. Von einem isoliert erhöhten HDL sprechen Fachquellen bei Werten deutlich über dem üblichen Bereich; wo genau diese Grenze liegt, wird unterschiedlich angesetzt. Maßgeblich ist der Bereich Ihres Labors.
Warum schützt sehr hohes HDL nicht automatisch?
HDL-Partikel transportieren Cholesterin aus Geweben und Gefäßwänden zurück zur Leber. Der Laborwert misst aber nur die Cholesterinmenge in diesen Partikeln, nicht ihre Funktion. In Bevölkerungsstudien stieg die Sterblichkeit bei sehr hohen HDL-Werten wieder an, ein U-förmiger Verlauf. Genetisch bedingt hohe Werte gehen nicht zwangsläufig mit weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Und Wirkstoffe, die HDL kräftig anheben, etwa CETP-Hemmer oder Niacin, brachten in großen Studien keinen Nutzen, der sich auf das HDL zurückführen ließ. HDL gilt deshalb als Risikomarker, nicht als Behandlungsziel.
Welche Ursachen hat ein zu hohes HDL?
Häufig sind erbliche Veranlagungen, etwa eine familiäre Hyperalphalipoproteinämie oder ein seltener Mangel am Transferprotein CETP, das Cholesterin zwischen den Lipoprotein-Partikeln verschiebt. Zu den erworbenen Ursachen zählen regelmäßiger Alkoholkonsum, eine Schilddrüsenüberfunktion, bestimmte Lebererkrankungen wie die primär biliäre Cholangitis sowie Medikamente, darunter Östrogene, Phenytoin und Fibrate. Auch hormonelle Umstellungen wie die Schwangerschaft und regelmäßiger Ausdauersport heben HDL an. Oft findet sich keine Ursache, und der hohe Wert ist schlicht Ihre persönliche Normalität.
Was ist nach einem hohen HDL-Wert zu tun?
Ein hoher HDL-Wert allein erfordert keine Behandlung und macht keine Beschwerden. Ärztlich geprüft wird, ob eine Ursache dahintersteckt: Taucht der Wert unerwartet auf, werden meist TSH für die Schilddrüse und die Leberwerte AST und ALT bestimmt und der Alkoholkonsum besprochen. Wichtiger als das HDL bleiben die atherogenen Werte, also LDL-Cholesterin, Non-HDL-Cholesterin, Triglyzeride und gegebenenfalls ApoB und Lipoprotein(a). Ein hohes HDL gleicht ein erhöhtes LDL nicht aus. Entscheidungen über Medikamente gehören in ärztliche Hand.
Nüchtern oder nicht: Hinweise zur Blutabnahme
HDL-Cholesterin verändert sich nach einer Mahlzeit nur wenig. Neuere Empfehlungen akzeptieren für die meisten Menschen ein Lipidprofil ohne Nüchternheit; Nüchternwerte werden vor allem bei stark erhöhten Triglyzeriden verlangt. Manche Labore legen ihre Referenzwerte aber ausdrücklich für Nüchternblut fest und bitten um eine längere Nahrungs- und Alkoholpause. Halten Sie sich an die Hinweise Ihres Labors, damit der Wert mit dem angegebenen Bereich vergleichbar ist.
Alkohol kann HDL und Triglyzeride mehrere Tage beeinflussen; wer einen stabilen Verlaufswert möchte, verzichtet in den Tagen vor der Abnahme darauf. Bei akuten Erkrankungen oder Infekten kann HDL vorübergehend absinken, weshalb Blutfette besser im stabilen Zustand beurteilt werden. Gemessen wird aus Serum oder Plasma mit einer direkten, robusten Methode. Für Verlaufskontrollen gilt wie bei allen Laborwerten: gleiches Labor, gleiche Methode.
Vererbung und Stoffwechsel: warum manche Menschen hohes HDL haben
HDL-Partikel entstehen in Leber und Darm und reifen im Blut, indem sie Cholesterin aus den Geweben aufnehmen. Das Cholesterinester-Transferprotein, kurz CETP, verschiebt Cholesterin von HDL auf andere Partikel. Fehlt CETP wegen einer seltenen erblichen Genveränderung, bleibt das Cholesterin im HDL und der Wert ist lebenslang sehr hoch. Daneben gibt es die familiäre Hyperalphalipoproteinämie, die in Familien gehäuft auftritt und auf verschiedene, teils unbekannte Genveränderungen zurückgeht.
Menschen mit solchen Veranlagungen haben in der Regel keine Beschwerden, und eine Behandlung ist nicht erforderlich. Allerdings schützt der hohe Wert sie nicht automatisch: Fachquellen beschreiben, dass genetisch hohe HDL-Werte nicht zwangsläufig mit weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Eine seltene Variante des HDL-Rezeptors SR-BI geht sogar mit höheren HDL-Werten und zugleich höherem Infarktrisiko einher. Das zeigt, dass die Menge an HDL-Cholesterin nicht dasselbe ist wie seine Schutzwirkung.
Erworbene Ursachen: Alkohol, Hormone, Schilddrüse, Leber, Medikamente
Regelmäßiger Alkoholkonsum hebt HDL an. Weil Alkohol zugleich Triglyzeride, Leberwerte wie die Gamma-GT und viele andere Risiken erhöht, ist dieser Anstieg kein Schutzeffekt und wird von keiner Leitlinie empfohlen. Ein hohes HDL zusammen mit erhöhten Triglyzeriden und erhöhter Gamma-GT ist ein Muster, das Ärztinnen und Ärzte an Alkohol denken lässt. Östrogene, ob körpereigen in der Schwangerschaft oder als Medikament, steigern die Bildung des HDL-Strukturproteins und heben den Wert ebenfalls an.
Eine Schilddrüsenüberfunktion und bestimmte Lebererkrankungen, vor allem die primär biliäre Cholangitis, zählen zu den erworbenen Ursachen; deshalb werden bei einem unerwartet hohen HDL meist TSH und die Leberwerte mitbestimmt. Unter den Medikamenten sind neben Östrogenen das Antiepileptikum Phenytoin und Fibrate bekannt, auch Niacin und manche Statine heben HDL in unterschiedlichem Ausmaß. Regelmäßiger Ausdauersport steigert HDL ebenfalls, hier allerdings als Teil eines insgesamt günstigeren Stoffwechsels.
Die U-Kurve: was Studien zu sehr hohem HDL zeigen
Große Bevölkerungsstudien, etwa aus Kanada und Dänemark, haben den Zusammenhang zwischen HDL und Sterblichkeit untersucht. Übereinstimmend war ein niedriges HDL mit höherer Sterblichkeit verbunden. Überraschend war das andere Ende: Auch Menschen mit sehr hohen HDL-Werten starben häufiger, teils an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, teils an anderen Ursachen. Daraus ergibt sich die U-Form. Wo genau der Anstieg beginnt, unterscheidet sich zwischen den Studien, und ein Zusammenhang in Beobachtungsdaten beweist noch keine Ursache. Ein sehr hohes HDL kann auch Begleiter anderer Umstände sein.
Deutlicher ist die Lehre aus den Medikamentenstudien. CETP-Hemmer heben HDL kräftig an; einer der Wirkstoffe wurde in einer großen Studie wegen Sicherheitsbedenken vorzeitig gestoppt, andere brachten trotz günstiger Lipidwerte keinen Herz-Kreislauf-Nutzen, und der Nutzen eines Wirkstoffs mit positivem Ergebnis wird heute der gleichzeitigen LDL-Senkung zugeschrieben. Niacin erhöhte HDL, verringerte in Studien als Zusatz zu Statinen aber keine Herzereignisse. Deshalb gilt in den Leitlinien: HDL ist ein Risikomarker, LDL bleibt das Behandlungsziel.
Begleitwerte: typische Konstellationen
HDL wird nie allein beurteilt. Ein hohes HDL hebt das Gesamtcholesterin an, ohne dass daraus ein Risiko folgt; erst die Aufteilung in HDL, LDL und Triglyzeride zeigt, woher der hohe Gesamtwert kommt. Das Non-HDL-Cholesterin, also Gesamtcholesterin minus HDL, fasst alle gefäßschädigenden Anteile zusammen und ist bei hohem HDL besonders hilfreich. Ist das LDL oder das Non-HDL erhöht, bleibt das Risiko erhöht, egal wie hoch das HDL ist.
Hohes HDL mit erhöhten Triglyzeriden und erhöhter Gamma-GT lenkt den Blick auf Alkohol; hohes HDL mit niedrigem TSH auf die Schilddrüse; hohes HDL mit auffälligen Leberwerten auf eine Lebererkrankung. Ein erhöhtes Lipoprotein(a), ein erblich festgelegter Risikofaktor, wird durch hohes HDL nicht ausgeglichen. Steigt das HDL plötzlich stark an, wird neben Alkohol und Schilddrüse auch die Plausibilität der Messung geprüft.
Verlauf, Kontrolle und Warnzeichen
HDL verändert sich langsam und schwankt von Messung zu Messung um einige mg/dl, ohne dass das Bedeutung hat. Ein dauerhaft hoher Wert ohne erkennbare Ursache braucht keine eigene Kontrolle; er wird einfach im Rahmen der üblichen Blutfettbestimmung mitgeführt. Ändert sich der Wert deutlich oder tauchen Hinweise auf eine Schilddrüsen- oder Lebererkrankung auf, folgt die Abklärung dieser Ursache, nicht des HDL-Werts selbst.
Ein hohes HDL ist kein Notfall und verursacht keine Beschwerden. Warnzeichen kommen aus den möglichen Ursachen: Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Hitzeunverträglichkeit und ungewollter Gewichtsverlust sprechen für eine Schilddrüsenüberfunktion, eine Gelbfärbung von Haut oder Augen für eine Lebererkrankung; beides sollte zeitnah ärztlich abgeklärt werden. Unabhängig vom HDL gilt: Bei Brustschmerz, Atemnot, plötzlicher Schwäche einer Körperseite oder Sprachstörungen ist der Notruf 144 oder 112 richtig, denn ein hohes HDL schützt nicht vor Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Häufige Fragen
Ist ein hohes HDL immer gut?
Nein. Niedrige HDL-Werte gehen mit höherem Risiko einher, aber sehr hohe Werte schützen nicht automatisch. Bevölkerungsstudien zeigen einen U-förmigen Zusammenhang mit der Sterblichkeit, und genetisch bedingt hohe Werte gehen nicht zwangsläufig mit weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Medikamente, die HDL anheben, brachten in Studien keinen Nutzen, der sich auf das HDL zurückführen ließ. Entscheidend bleiben LDL, Non-HDL, Triglyzeride und gegebenenfalls ApoB und Lipoprotein(a).
Kann Alkohol mein HDL erhöhen?
Ja, regelmäßiger Alkoholkonsum hebt HDL an. Das ist aber kein Schutzeffekt: Alkohol erhöht zugleich Triglyzeride und Leberwerte und bringt viele andere Gesundheitsrisiken mit sich, weshalb keine Leitlinie Alkohol zur HDL-Erhöhung empfiehlt. Ein hohes HDL zusammen mit erhöhten Triglyzeriden und erhöhter Gamma-GT ist ein Muster, bei dem Ärztinnen und Ärzte nach dem Alkoholkonsum fragen.
Welche Werte zählen mehr als das HDL?
Für das Herz-Kreislauf-Risiko und für Behandlungsentscheidungen stehen das LDL-Cholesterin und das Non-HDL-Cholesterin im Vordergrund, dazu die Triglyzeride und bei Bedarf ApoB und Lipoprotein(a). Ein hohes HDL gleicht erhöhte Werte dort nicht aus. Bei einem unerwartet hohen HDL werden zusätzlich TSH und die Leberwerte AST und ALT bestimmt, um eine Schilddrüsen- oder Lebererkrankung als Ursache zu erkennen.
Muss ich für die HDL-Bestimmung nüchtern sein?
Für HDL allein meist nicht; neuere Empfehlungen akzeptieren Lipidprofile ohne Nüchternheit, Nüchternwerte werden vor allem bei stark erhöhten Triglyzeriden verlangt. Manche Labore beziehen ihre Referenzwerte aber ausdrücklich auf Nüchternblut und bitten um eine Nahrungs- und Alkoholpause. Richten Sie sich nach den Hinweisen Ihres Labors und verzichten Sie vor einer Verlaufskontrolle einige Tage auf Alkohol.
Quellen
- Gesundheitsportal gesundheit.gv.at: HDL-Cholesterin
- MSD Manual (Profi): Isolierte erhöhte HDL-Cholesterin-Spiegel
- MSD Manual (Profi): Dyslipidämie
- DocCheck Flexikon: CETP-Inhibitor
- Rodriguez A. High HDL-Cholesterol Paradox: SCARB1-LAG3-HDL Axis. Curr Atheroscler Rep 2021 (PMC)
- MedlinePlus: HDL: The "Good" Cholesterol
Referenzbereiche sind orientierend; maßgeblich ist der Bereich Ihres Labors.
Passende Vertiefung
Mehrere Werte gemeinsam einordnen
Mit dem Blutbefund-Inspektor können Sie Ihren HDL-Wert gemeinsam mit den übrigen Werten Ihres Befunds einordnen lassen.
Befund hochladen und einordnen lassen