Ab wann ist der Hb-Wert zu hoch?
Als Orientierung gelten bei Männern etwa 13,0 bis 17,0 g/dl und bei Frauen etwa 12,0 bis 15,0 g/dl, manche Labore setzen die Obergrenze für Frauen etwas höher an. Maßgeblich ist der Bereich auf Ihrem Befund. Ein Wert knapp darüber kommt häufig vor und ist oft vorübergehend. Für die Polycythaemia vera, eine seltene Erkrankung des Knochenmarks, gelten eigene Diagnosekriterien, in denen der Hb-Wert nur ein Baustein ist.
Ist der Wert echt erhöht oder nur konzentriert?
Häufig ist das Blut nur eingedickt. Fehlt dem Körper Flüssigkeit, etwa durch Hitze, Durchfall, wenig Trinken oder entwässernde Medikamente, schrumpft der flüssige Anteil des Blutes. Hämoglobin, Hämatokrit und Erythrozyten steigen dann gemeinsam, ohne dass mehr Blutfarbstoff gebildet wurde. Fachleute sprechen von einer relativen oder scheinbaren Erhöhung. Schon zu wenig Trinken vor der Blutabnahme kann den Wert kurzfristig anheben. Eine Kontrolle bei ausgeglichenem Flüssigkeitshaushalt bringt meist Klarheit.
Was lässt den Körper mehr Hämoglobin bilden?
Bekommt das Gewebe dauerhaft zu wenig Sauerstoff, bildet die Niere mehr Erythropoetin (EPO), ein Hormon, das die Blutbildung antreibt. Ein häufiger Grund ist Rauchen: Kohlenmonoxid aus dem Rauch besetzt einen Teil des Hämoglobins, der Körper gleicht mit mehr Blutfarbstoff aus. Weitere Auslöser sind Lungen- und Herzerkrankungen, Atemaussetzer im Schlaf (Schlafapnoe), ein Leben in großer Höhe sowie Testosteron und verwandte Hormonpräparate.
Was ist nach einem erhöhten Hb-Wert zu tun?
Zuerst wird geprüft, ob Flüssigkeitsmangel, Sport oder die Abnahmebedingungen den Wert erklären, und der Wert unter vergleichbaren Bedingungen kontrolliert. Wichtig sind Angaben zu Rauchen, Schlaf, Lungen- oder Herzerkrankungen und Hormonpräparaten. Bleibt der Wert erhöht, wird oft Erythropoetin im Blut bestimmt: Ein niedriger Wert lenkt den Verdacht auf das Knochenmark, ein hoher auf eine Ursache außerhalb davon. Bei Bedarf folgt ein Gentest auf JAK2.
Wie stark ist das Hämoglobin erhöht?
Ein einmalig gemessener Hb-Wert knapp über der Obergrenze hat meist wenig Gewicht. Schon wenig Trinken vor der Abnahme kann ihn anheben. Auch die Körperlage spielt eine Rolle: Im Stehen fällt der Wert etwas höher aus als im Liegen. Starke körperliche Belastung in den Tagen davor kann den Wert ebenfalls verschieben. Aussagekräftiger ist der Verlauf über mehrere Blutbilder, die unter vergleichbaren Bedingungen abgenommen wurden.
Für eine aussagekräftige Kontrolle hilft es, am Vortag auf intensiven Sport zu verzichten, normal zu trinken und vor der Abnahme einige Minuten ruhig zu sitzen. Günstig ist eine Abnahme zur gleichen Tageszeit und in gleicher Körperlage wie beim letzten Mal. Bringen Sie frühere Befunde mit, damit der Verlauf beurteilt werden kann.
Mehr Gewicht haben Werte, die bei wiederholten Kontrollen erhöht bleiben. Die Weltgesundheitsorganisation hat für die Polycythaemia vera, eine Erkrankung des Knochenmarks, eigene Hb-Schwellen festgelegt. Sie liegen nahe an der Obergrenze üblicher Laborbereiche, deshalb zählt vor allem der Verlauf. Der Hb-Wert ist dabei nur eines von mehreren Kriterien und bedeutet für sich noch keine Erkrankung: Eine echte Erhöhung durch Rauchen oder Sauerstoffmangel ist deutlich häufiger als eine Erkrankung des Knochenmarks.
Rauchen, Lunge, Schlaf: häufige Auslöser einer echten Erhöhung
Beim Rauchen bindet Kohlenmonoxid fest an Hämoglobin. Der so besetzte Blutfarbstoff kann keinen Sauerstoff mehr tragen, und der Körper bildet zum Ausgleich mehr davon. Der Hb-Wert von Rauchenden liegt deshalb oft etwas höher als bei Nichtrauchenden. Erwähnen Sie das Rauchen im ärztlichen Gespräch, auch wenn es nur gelegentlich ist, weil es die Einordnung erleichtert.
Chronische Lungenerkrankungen wie COPD, Herzerkrankungen und eine Schlafapnoe führen zu einem dauerhaften Sauerstoffmangel. Auch wer dauerhaft in großer Höhe lebt, hat typischerweise einen höheren Hb-Wert, weil sich der Körper an die sauerstoffärmere Luft anpasst.
Hormone, Medikamente und seltene Ursachen
Testosteron und andere männliche Hormone, die Androgene, regen die Blutbildung an. Das betrifft Menschen unter einer Hormonbehandlung ebenso wie den Missbrauch anaboler Steroide im Sport. Auch die verbotene Zufuhr von Erythropoetin beim Doping erhöht den Hb-Wert. Erwähnen Sie solche Präparate bei der Besprechung, auch wenn sie nicht ärztlich verordnet wurden. Ob eine verordnete Behandlung angepasst wird, entscheidet die verschreibende Ärztin oder der verschreibende Arzt.
Selten bilden Tumoren, vor allem der Niere, selbst Erythropoetin und treiben so die Blutbildung an. Daneben gibt es angeborene Besonderheiten des Hämoglobins, die ebenfalls zu höheren Werten führen können. Nach diesen Ursachen wird gezielt gesucht, wenn Erythropoetin erhöht ist und sich keine Erklärung wie Rauchen oder Sauerstoffmangel findet.
Polycythaemia vera: wenn das Knochenmark von sich aus mehr bildet
Bei der Polycythaemia vera bildet das Knochenmark ohne äußeren Anlass zu viele rote Blutkörperchen. Sie gehört zu den myeloproliferativen Neoplasien, einer Gruppe seltener Erkrankungen der blutbildenden Stammzellen. Bei fast allen Betroffenen lässt sich eine Veränderung im JAK2-Gen nachweisen, und das Erythropoetin im Blut ist typischerweise niedrig oder niedrig-normal.
Typisch ist Juckreiz nach einem warmen Bad oder einer Dusche. Dazu kommen Kopfschmerzen, Schwindel, ein gerötetes Gesicht, Sehstörungen und manchmal eine vergrößerte Milz. Viele Betroffene fühlen sich zudem müde und erschöpft, was den Alltag deutlich beeinträchtigen kann. Die größte Gefahr sind Blutgerinnsel in Venen und Arterien. Die Diagnose stellen Fachleute für Blutkrankheiten anhand von Blutwerten, Gentest und manchmal einer Untersuchung des Knochenmarks.
Begleitwerte und übliche Abklärung
Hämoglobin wird zusammen mit Hämatokrit und Erythrozytenzahl beurteilt, die bei einer echten wie bei einer relativen Erhöhung meist gemeinsam steigen. Hilfreich ist der Blick auf Leukozyten und Thrombozyten: Sind auch sie erhöht, wird eine Vorstellung in der Hämatologie empfohlen. Eine Messung der Sauerstoffsättigung im Blut zeigt, ob ein Sauerstoffmangel vorliegt. Geht die Erhöhung auf Flüssigkeitsmangel zurück, normalisieren sich Hämoglobin, Hämatokrit und Erythrozyten gemeinsam, sobald der Flüssigkeitshaushalt wieder ausgeglichen ist.
Die wichtigste Weiche ist das Erythropoetin im Serum. Ist es niedrig oder niedrig-normal, folgt meist ein Gentest auf JAK2 aus einer normalen Blutprobe. Ist es erhöht, wird nach der Ursache des Sauerstoffmangels oder nach einem Erythropoetin bildenden Tumor gesucht. Bringen Sie zum Termin frühere Blutbilder und eine Liste Ihrer Medikamente und Hormonpräparate mit.
Warnzeichen: wann rasch ärztliche Hilfe nötig ist
Einen leicht erhöhten Wert ohne Beschwerden besprechen Sie zeitnah mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Rascher abklären lassen sollten Sie Werte, die bei Kontrollen wiederholt erhöht bleiben, besonders mit Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen oder neu aufgetretenem Juckreiz nach dem Duschen, sowie einen erhöhten Hb-Wert zusammen mit erhöhten Blutplättchen oder weißen Blutkörperchen.
Wählen Sie den Notruf bei plötzlicher Atemnot, Brustschmerzen, Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen. Das können Zeichen eines Blutgerinnsels sein, dessen Risiko bei einer echten Vermehrung der roten Blutkörperchen steigt. Ein plötzlich geschwollenes, schmerzendes Bein sollte rasch ärztlich angesehen werden.
Häufige Fragen
Kann zu wenig Trinken den Hb-Wert erhöhen?
Ja. Fehlt dem Körper Flüssigkeit, wird der flüssige Anteil des Blutes kleiner, und der Blutfarbstoff ist konzentrierter, obwohl nicht mehr davon gebildet wurde. Das passiert bei Hitze, Durchfall, sehr wenig Trinken oder unter entwässernden Medikamenten. Hämatokrit und Erythrozyten steigen dann meist mit. Eine Kontrolle bei normaler Trinkmenge und ohne vorherige starke Belastung zeigt, ob die Erhöhung echt ist.
Erhöht Rauchen das Hämoglobin?
Ja. Kohlenmonoxid aus dem Tabakrauch besetzt einen Teil des Hämoglobins, der dann keinen Sauerstoff mehr transportieren kann. Der Körper reagiert mit einer vermehrten Bildung von Blutfarbstoff und roten Blutkörperchen. Rauchen zählt deshalb zu den häufigen Gründen für einen leicht erhöhten Hb-Wert. Bei der Bewertung sollte die Ärztin oder der Arzt wissen, ob und wie viel Sie rauchen.
Ab welchem Hb-Wert wird abgeklärt?
Eine einzelne feste Zahl gibt es dafür nicht. Abgeklärt wird vor allem, wenn der Wert bei Kontrollen unter vergleichbaren Bedingungen wiederholt über dem Bereich Ihres Labors liegt. Vorher wird geprüft, ob Flüssigkeitsmangel, Rauchen, Schlafapnoe, Lungenerkrankungen oder Hormonpräparate die Erhöhung erklären. Früher abgeklärt wird, wenn Beschwerden bestehen oder auch Blutplättchen oder weiße Blutkörperchen erhöht sind.
Kann Testosteron den Hb-Wert erhöhen?
Ja. Testosteron und andere Androgene regen die Bildung roter Blutkörperchen an. Das gilt für eine ärztlich verordnete Behandlung ebenso wie für die Einnahme ohne Verordnung. Auch anabole Steroide im Sport können den Wert stark anheben. Steigt das Hämoglobin unter einer verordneten Behandlung deutlich an, entscheidet die verschreibende Ärztin oder der verschreibende Arzt über das weitere Vorgehen. Setzen Sie Medikamente nicht eigenmächtig ab.
Quellen
- Gesundheitsportal Österreich: Hämoglobin
- Onkopedia-Leitlinie: Polycythaemia vera
- MSD Manual: Polycythaemia vera
- MSD Manual: Sekundäre Erythrozytose
- MedlinePlus: Hemoglobin Test
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