Was ist Selen?
Selen wird mit der Nahrung vor allem als Selenomethionin aus pflanzlichen Lebensmitteln und als Selenocystein aus tierischen Lebensmitteln aufgenommen. Gute Quellen sind Fisch, Fleisch, Eier, Pilze und Hülsenfrüchte. Paranüsse enthalten sehr viel, aber stark schwankende Mengen. Im Körper wird Selen in Form der Aminosäure Selenocystein gezielt in etwa 25 Selenoproteine eingebaut. Die wichtigsten sind die Glutathionperoxidasen, die Wasserstoffperoxid und Fettperoxide entgiften, die Thioredoxinreduktasen, die Dejodasen der Schilddrüsenhormone und das Selenoprotein P. Selenoprotein P wird in der Leber gebildet und transportiert Selen im Blut zu den Geweben. Es enthält den größten Teil des Selens im Plasma. Selenomethionin kann zusätzlich unspezifisch anstelle von Methionin in Eiweiße eingebaut werden, zum Beispiel in Albumin. Gemessen wird Selen meist im Serum oder Plasma mit Massenspektrometrie mit induktiv gekoppeltem Plasma (ICP-MS) oder Atomabsorptionsspektrometrie. Der Serumwert spiegelt die Zufuhr der letzten Wochen wider, Selen im Vollblut oder in den roten Blutkörperchen eher die längerfristige Versorgung.
Bedeutung im Stoffwechsel
Selenoproteine arbeiten als Teil des antioxidativen Schutzsystems. Die Glutathionperoxidasen und Thioredoxinreduktasen halten das Gleichgewicht zwischen reaktiven Sauerstoffverbindungen und Schutzmechanismen in den Zellen aufrecht. In der Schilddrüse ist Selen doppelt bedeutsam: Bei der Hormonbildung entsteht Wasserstoffperoxid, das von selenhaltigen Enzymen abgebaut wird, und die Dejodasen, die das Vorläuferhormon T4 in das aktive T3 umwandeln oder Hormone inaktivieren, sind ebenfalls Selenoproteine. Die Schilddrüse hat deshalb eine der höchsten Selenkonzentrationen aller Organe und wird bei knapper Versorgung bevorzugt beliefert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat ihre Referenzwerte für die Zufuhr daran ausgerichtet, ab welcher Menge die Konzentration von Selenoprotein P im Plasma nicht weiter ansteigt. Dieses Plateau gilt als Zeichen, dass alle Gewebe ausreichend versorgt sind. Eine Zufuhr darüber hinaus bringt nach bisherigen Studien keinen zusätzlichen Nutzen. Sehr hohe Zufuhr führt dagegen zur Selenvergiftung, der Selenose, und wurde in großen Studien mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.
Referenzbereich
| Gruppe | Bereich | Einheit |
|---|---|---|
| Erwachsene, Serum, laborabhängig | Untergrenze ca. 40–80, Obergrenze ca. 120–150 | µg/l |
| Erwachsene, SI-Einheit | Untergrenze ca. 0,5–1,0, Obergrenze ca. 1,5–1,9 | µmol/l |
| Vollblut | eigener, höherer Referenzbereich | µg/l |
| Arbeitsmedizinischer Beurteilungswert (biologischer Grenzwert, Serum) | 150 | µg/l |
Methode & Variabilität: Erwachsene, Serum, laborabhängig: ICP-MS oder Atomabsorptionsspektrometrie; Beispiele aus Laborverzeichnissen: 39–118 µg/l und 65–150 µg/l; es gilt ausschließlich der Bereich des eigenen Labors · Erwachsene, SI-Einheit: ICP-MS oder Atomabsorptionsspektrometrie; Umrechnung: 1 µmol/l entspricht etwa 79 µg/l · Vollblut: ICP-MS aus EDTA-Vollblut; spiegelt die längerfristige Versorgung; nicht mit Serumwerten vergleichbar · Arbeitsmedizinischer Beurteilungswert (biologischer Grenzwert, Serum): ICP-MS; dient der Überwachung beruflich exponierter Personen, kein Zielwert für die Allgemeinbevölkerung
Was kann ein erhöhter Selen-Wert bedeuten?
Häufige Ursachen
- Einnahme von Selenpräparaten, besonders mehrerer selenhaltiger Produkte gleichzeitig oder hoch dosierter Präparate über längere Zeit.
- Regelmäßiger Verzehr größerer Mengen Paranüsse, deren Selengehalt stark schwankt.
- Fehlerhaft hergestellte Nahrungsergänzungsmittel mit einem Vielfachen des deklarierten Selengehalts; solche Fälle haben zu Massenvergiftungen geführt.
- Berufliche Exposition in der Metall-, Glas- oder Elektronikindustrie.
- Bei unplausibel hohen Werten ohne erkennbare Ursache wird eine Verunreinigung der Probe durch ungeeignete Röhrchen geprüft.
Typische Symptome
- knoblauchartiger Mundgeruch, metallischer Geschmack
- Haarausfall, brüchige, verfärbte oder sich ablösende Nägel
- Hautausschlag, Übelkeit, Durchfall
- Müdigkeit, Reizbarkeit, Gelenkschmerzen
- bei ausgeprägter Vergiftung Nervenschäden mit Taubheitsgefühl und Lähmungen, bei sehr hoher akuter Aufnahme Herz- und Kreislaufversagen
Abklärung
Ein erhöhter Selenwert führt zuerst zur Frage nach Präparaten, Paranüssen und beruflicher Exposition. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2023 eine tolerierbare Obergrenze für die tägliche Gesamtzufuhr von 255 µg für Erwachsene festgelegt; Haarausfall gilt dabei als frühes Zeichen einer zu hohen Zufuhr. Liegt der Wert über dem Referenzbereich und werden Präparate eingenommen, wird die Einnahme ärztlich überprüft. Bei Beschwerden einer Selenose oder sehr hohen Werten erfolgt eine weitere Abklärung einschließlich Kontrolle nach Absetzen, gegebenenfalls ergänzt durch Selen im Urin, das eine aktuelle Belastung anzeigt.
Was kann ein niedriger Selen-Wert bedeuten?
Häufige Ursachen
- Geringe Zufuhr, etwa bei rein pflanzlicher Ernährung ohne gezielte Auswahl selenhaltiger Lebensmittel, da pflanzliche Lebensmittel aus selenarmen Böden wenig Selen enthalten.
- Parenterale Ernährung ohne ausreichenden Selenzusatz und langfristige Sondenernährung.
- Aufnahmestörungen bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Kurzdarmsyndrom oder nach bariatrischer Operation.
- Dialysepflichtige Nierenerkrankung und schwere Lebererkrankungen.
- Schwere Entzündungen, Sepsis und große Operationen: Selen im Serum verhält sich wie ein negatives Akute-Phase-Protein und sinkt, unter anderem weil weniger Selenoprotein P gebildet wird.
- Alkoholabhängigkeit und Mangelernährung.
- In Regionen mit extrem selenarmen Böden, etwa Teilen Chinas, traten früher endemische Mangelkrankheiten wie die Keshan-Kardiomyopathie auf; in Mitteleuropa sind sie praktisch unbekannt.
Typische Symptome
- bei leichtem Mangel meist keine eindeutigen Beschwerden
- Muskelschwäche und Muskelschmerzen, bei schwerem Mangel mit Erhöhung der Kreatinkinase
- Herzmuskelschwäche bei ausgeprägtem, lang andauerndem Mangel
- erhöhte Infektanfälligkeit
- verminderte Spermienqualität
Abklärung
Ein niedriger Selenwert wird zusammen mit CRP und Albumin bewertet, weil Entzündungen und niedrige Eiweißspiegel den Wert senken, ohne dass die Versorgung schlecht sein muss. Bei Risikogruppen wie Menschen mit parenteraler Ernährung, nach bariatrischer Operation, mit chronischen Darmerkrankungen oder unter Dialyse ist die Bestimmung sinnvoll und wird oft mit Zink kombiniert. Bei Muskelbeschwerden kann die Kreatinkinase ergänzt werden. Ein leicht niedriger Wert bei gesunden Menschen mit Mischkost hat meist keine unmittelbare Krankheitsbedeutung. Ob und in welcher Form Selen ersetzt wird, wird ärztlich entschieden, auch weil die Spanne zwischen ausreichender und zu hoher Zufuhr gering ist.
Verlauf unter Therapie
Serumselen verändert sich über Wochen und folgt der Zufuhr. Nach Beginn einer Selengabe steigt der Wert innerhalb einiger Wochen an und erreicht dann ein neues Gleichgewicht. Wird Selen als Selenomethionin eingenommen, kann der Serumwert weiter ansteigen, obwohl die Selenoproteine bereits gesättigt sind, weil Selenomethionin unspezifisch in Eiweiße eingebaut wird. Ein hoher Laborwert unter Präparaten zeigt deshalb nicht automatisch einen Nutzen an. Bei der Hashimoto-Thyreoiditis senkt Selen in einem Teil der Studien die Antikörper gegen Thyreoperoxidase; ein Nutzen für Schilddrüsenfunktion, Beschwerden oder Krankheitsverlauf ist bisher nicht überzeugend belegt. Für die leichte, aktive endokrine Orbitopathie beim Morbus Basedow empfehlen die europäischen Leitlinien in Regionen mit knapper Selenversorgung eine zeitlich begrenzte Selengabe unter ärztlicher Aufsicht. Bei länger andauernder Einnahme sind Kontrollen sinnvoll, um eine Überversorgung zu erkennen. Nach einer akuten Erkrankung normalisiert sich ein entzündungsbedingt niedriger Wert meist ohne Zufuhr.
Präanalytik: was den Wert beeinflusst
Für die Selenbestimmung im Serum ist Nüchternheit in der Regel nicht erforderlich, weil der Wert eher die Versorgung der letzten Wochen abbildet. Selenpräparate und selenhaltige Nahrungsergänzungsmittel sollten dem Labor mitgeteilt werden. Viele Labore verwenden für Spurenelemente spezielle metallfreie Röhrchen und verlangen, dass das Blut innerhalb von etwa zwei Stunden zentrifugiert wird. Akute Infekte, Operationen und schwere Erkrankungen senken den Serumwert und sollten bekannt sein; eine Bestimmung während einer akuten Erkrankung ist für die Beurteilung der Versorgung wenig aussagekräftig. Niedriges Albumin kann den Wert ebenfalls senken. Für die Beurteilung der längerfristigen Versorgung wird manchmal Selen im Vollblut bestimmt, für eine aktuelle Belastung Selen im Urin. Vergleichen Sie Verlaufswerte möglichst aus demselben Labor und derselben Probenart.
Selen: Konstellation mit weiteren Blutwerten
Selen wird zusammen mit Entzündungswerten, Eiweiß und je nach Fragestellung mit Schilddrüsenwerten gelesen. Niedriges Selen mit erhöhtem CRP spricht eher für eine entzündliche Absenkung als für einen Ernährungsmangel. Niedriges Selen mit niedrigem Albumin kann auf Mangelernährung oder eine verminderte Bildung von Transportproteinen hinweisen. Niedriges Selen zusammen mit niedrigem Zink bei Darmerkrankung, parenteraler Ernährung oder nach bariatrischer Operation spricht für eine unzureichende Aufnahme mehrerer Spurenelemente. Niedriges Selen mit erhöhter Kreatinkinase und Muskelschwäche kann auf eine selenmangelbedingte Muskelerkrankung hinweisen. Für die Schilddrüsenfunktion bleiben TSH und fT4 maßgeblich; ein niedriger Selenwert allein erklärt keine Schilddrüsenerkrankung. Hohes Selen unter Präparaten ohne Beschwerden ist ein Anlass, die Einnahme zu überdenken, weil sehr hohe Versorgung mit einem höheren Diabetesrisiko in Verbindung gebracht wurde.
- tsh-wert — TSH bleibt der Leitwert für die Schilddrüsenfunktion; Selen ergänzt die Einordnung bei Autoimmunthyreopathien.
- ft4-wert — fT4 wird durch selenhaltige Dejodasen in T3 umgewandelt.
- ft3-wert — Die Bildung von aktivem T3 hängt von selenhaltigen Enzymen ab.
- crp — Entzündungen senken Selen im Serum; CRP hilft, einen scheinbaren Mangel zu erkennen.
- albumin — Niedriges Albumin kann Selen im Serum senken und auf Mangelernährung hinweisen.
- zink — Zink und Selen werden bei Risikogruppen häufig gemeinsam bestimmt.
- kreatinkinase — Eine erhöhte Kreatinkinase kann bei schwerem Selenmangel eine Muskelschädigung anzeigen.
- glukose — Sehr hohe Selenversorgung wurde in Studien mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.
Wichtiger Einordnungshinweis
Einzelwerte sollten nie isoliert betrachtet werden. Für eine belastbare Einordnung sind Referenzbereich, Verlauf, weitere Laborwerte und die persönliche gesundheitliche Situation entscheidend.
Wann sollte ärztlich abgeklärt werden?
Eine ärztliche Rücksprache ist besonders sinnvoll, wenn Werte deutlich außerhalb des Referenzbereichs liegen, Beschwerden bestehen oder mehrere auffällige Laborparameter gleichzeitig auftreten. Auch unklare oder wiederholt veränderte Verläufe sollten medizinisch eingeordnet werden.
Komplette Blutbefund-Einordnung statt Einzelwert
Wenn Sie Ihren gesamten Befund verständlich einordnen möchten, zeigt die vollständige Einordnung neben Einzelwerten auch mögliche Zusammenhänge zwischen mehreren Parametern.
Zur vollständigen Blutbefund-EinordnungHäufige Fragen zu Selen
Quellen
- Rayman MP (2012): Selenium and human health. DOI 10.1016/S0140-6736(11)61452-9 · PMID 22381456. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22381456/
- EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (NDA) (2014): Scientific Opinion on Dietary Reference Values for selenium. DOI 10.2903/j.efsa.2014.3846.
- EFSA Panel on Nutrition, Novel Foods and Food Allergens (NDA) (2023): Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium. DOI 10.2903/j.efsa.2023.7704.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), gemeinsam mit ÖGE und SGE (2015): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Selen. https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/selen/
- Winther KH, Bonnema SJ, Hegedüs L (2017): Is selenium supplementation in autoimmune thyroid diseases justified?. DOI 10.1097/MED.0000000000000356 · PMID 28639965. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28639965/
- Bartalena L, Kahaly GJ, Baldeschi L, et al. (EUGOGO) (2021): The 2021 European Group on Graves' orbitopathy (EUGOGO) clinical practice guidelines for the medical management of Graves' orbitopathy. DOI 10.1530/EJE-21-0479 · PMID 34297684. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34297684/
- Gesundheitsportal Österreich (gesundheit.gv.at) (2024): Selen. https://www.gesundheit.gv.at/leben/ernaehrung/vitamine-mineralstoffe/spurenelemente/selen.html
- Labor Augsburg MVZ (2026): Leistungsverzeichnis: Selen im Serum. https://labor-augsburg-mvz.de/leistungsverzeichnis/parameter/selen-im-serum